Bitte wählen Sie in der Tabelle ein Thema Ihrer Wahl:

Antizionismus und Antisemitismus

Die Macht, das Geld und die Juden

Als Jude erkennbar

Mal sind sie Mörder, mal Betrüger, mal Schänder

Unsere Kultur ist antisemitisch geprägt

 

 

Unsere Kultur ist antisemitisch geprägt"

Seit Beginn der Diskussion über den Zweiten Weltkrieg äussern sich immer mehr Schweizer abfällig über die Juden. Der Psychiater Emanuel Hurwitz über Antisemitismus, dessen Ursachen und Verbreitung in der Schweiz.

mit Emanuel Hurwitz sprach Peter Haerle   

 

Emanuel Hurwitz, man spricht wieder über die Juden - und nicht mehr hinter vorgehaltener Hand, sondern offen. Die Äusserungen sind antisemitisch, manchmal direkt und bewusst, manchmal unbewusst, so wie jener Mann, der mir kürzlich sagte, es sei schon verrückt, wie viele Juden es in der Schweiz gebe.

Haben Sie ihn gefragt, wie viele? Da kommen nämlich die unglaublichsten Zahlen: 400 000, 800 000. Rund 20 000 sind es, nicht einmal ein Prozent der Schweizer Bevölkerung.

Anscheinend leben wir in einer Zeit, in der christliche Schweizer überall Juden sehen.

Diese antisemitischen Reflexe überraschen mich gar nicht - mich überrascht höchstens, dass einige Leute davon überrascht sind.

Aber Antisemitismus - wurde und wird uns immer gesagt - sei die Sache von einigen wenigen Extremisten und Unverbesserlichen. Das "breite Volk" sei nie antisemitisch eingestellt gewesen und sei es auch jetzt nicht.

Wissen Sie, es gibt nirgends Antisemiten. In allen Ländern, wo immer man diskutiert, gibt es keine. Bei den Linken nicht, bei den Christen nicht, nirgends. Und mit jedem antisemitischen Exzess wird die Verleugnung des Antisemitismus nur noch grösser. Niemand will heute - nach Auschwitz - mit dem Massenmord in Verbindung gebracht werden. Es gibt zwar den offenen Antisemitismus einiger Extremisten, davon hört man immer wieder. Mich interessiert aber der diffuse, alltägliche Judenhass. Dieser kommt erst an die Oberfläche, wenn Juden aufbegehren, sich wehren und sich nicht demütig und angepasst verhalten.

Warum interessiert Sie dieser Antisemitismus mehr?

Der offene Antisemitismus einzelner erlaubt es uns, auf jene zu zeigen und zu sagen: Das ist ein Judenhasser, also sind es alle anderen nicht. Das ist eine Ausweichstrategie. Es ist nicht interessant, Antisemiten zu suchen. Viel spannender ist es zu fragen, warum Antisemitismus so verbreitet ist in der Bevölkerung.

Aber diese Verbreitung wurde in der Vergangenheit gar nie thematisiert. Ich selber war völlig erstaunt angesichts der vielen antisemitischen Äusserungen in den letzten Monaten.

Über das eigentliche Thema, den Antisemitismus in der Schweiz, wurde nie gesprochen. Man müsste doch fragen: Wie war es möglich, dass eine solch antisemitische Flüchtlingspolitik betrieben worden ist? Es heisst, Bundesrat von Steiger und Fremdenpolizeichef Rothmund seien Antisemiten gewesen, das breite Volk habe ganz anders gedacht. Das ist eine Fiktion. Der Bundesrat hat eine judenfeindliche Flüchtlingspolitik gemacht, von der er zu Recht annehmen konnte, dass sie vom Schweizer Volk mehrheitlich geduldet und unterstützt wurde. Oder ein aktuelles Beispiel: Nach dem Erpressungsvorwurf von Delamuraz hätte man eigentlich auch über Antisemitismus diskutieren müssen. Sofort kamen aber die Rücktrittsforderungen der einen Seite, und die andere Seite reagierte mit Verteidigung. Und schon war die Antisemitismusdebatte wieder vom Tisch.

Sie glauben also, dass man in der Schweiz die Diskussion auf eine andere Ebene zu verlagern versucht, um sich so eine Antisemitismusdiskussion vom Hals halten zu können?

Ja. Aber wir kommen nicht darum herum, uns mit diesem Teil unserer Geschichte zu befassen: etwa, indem wir die jüdische Kultur, Geschichte und Tradition kennenlernen und damit auch das Gemeinsame der christlichen und der jüdischen Religion. Aber auch die Entwicklung, die schliesslich zur Trennung, Entfremdung und Ablehnung geführt hat. Wenn man sich beispielsweise damit begnügt zu sagen, der Zürcher Bürgermeister im 14. Jahrhundert, Rudolf Brun, sei ein Antisemit gewesen und man müsse nun die Rudolf-Brun-Brücke in Moses-Ben-Menachem-Brücke umtaufen, dann hat man das Problem wieder nur personalisiert und abgeschoben. Wir müssen uns mit folgendem Phänomen beschäftigen: Im 14. Jh. gab es in Zürich Antisemitismus, vor 50 Jahren gab es ihn und heute wieder. Antisemitismus ist ein Bestandteil der christlich-abendländischen Kultur. Oder anders: Antisemitismus ist ohne die Geschichte der christlich-jüdischen Beziehung nicht zu verstehen.

Warum denn?

Das Christentum wurde im Römischen Reich zur Staatsreligion erklärt, ging also siegreich aus der Rivalität der Religionen hervor. Trotzdem hat es das unterlegene Judentum weiterhin entwertet. Warum nur? Das ist die eigentlich interessante Frage. Ich behaupte, dass das mit einem Identitätsproblem zusammenhängt. Das Christentum hat in ganz zentralen Punkten mit Widersprüchen zu kämpfen. Als das Christentum im Römischen Reich Staatsreligion wurde, ging es ein Bündnis mit der Macht ein, welches sich nicht mit der Botschaft Jesu verträgt, der sich an die Armen, die Ausgestossenen, sozial Benachteiligten wandte. Die Diskrepanz zwischen Machtbündnis und sozialrevolutionärer Botschaft Jesu musste zu inneren, schwer ertragbaren Widersprüchen führen.

Aber haben nicht alle Religionen ihre verschiedenen Strömungen und von daher Identitätsprobleme, so auch die jüdische?

Im Judentum gibt es unendlich viele Strömungen und heftige Kämpfe. Die gegenwärtige Auseinandersetzung zwischen den Orthodoxen und weltlichen Juden in Israel ist nur ein Beispiel. Doch zum einen hat das Dasein als bedrohte Minderheit das Judentum geeinigt, und zum anderen betreffen die Widersprüche im Judentum nicht derart zentrale Stellen der Botschaft wie im Christentum.

Haben Sie denn in der Bibel Belege gefunden für einen christlichen Antisemitismus?

Im Neuen Testament sind antisemitische Elemente klar erkennbar. Die Juden werden für die Kreuzigung Jesu verantwortlich gemacht, und die eigentlich verantwortlichen Römer werden entlastet. Zu diesem Zweck hat man beispielsweise den Judas eingeführt, der einen Verrat begangen haben soll, was absolut unwahrscheinlich ist.

Warum?

Jesus ist öffentlich aufgetreten, hat im Tempel gepredigt. Ihn musste man nicht verraten, die Römer hätten ihn jederzeit festnehmen können. Und dann das Motiv von Judas: In der Bibel heisst es, Judas habe diesen Verrat aus Geldgier begangen, er habe von den Römern eine Belohnung erhalten. Aber Judas war der Kassier der Jesus-Bewegung. Er hätte einfach mit der Kasse fliehen können. Die ganze Judas-Geschichte ist unwahrscheinlich.

Nun haben wir aber die Aufklärung hinter uns. Warum hält sich in unserer säkularen Gesellschaft das Bild des reichen und mächtigen Juden und somit auch der Hass auf ihn so konstant?

Rational spricht tatsächlich alles dagegen, dass die Juden die Rolle einnehmen können, die ihnen seit Jahrhunderten zugesprochen wird, also müssen es emotionale Bedürfnisse sein, die befriedigt werden wollen und die stärker sind als jegliche Rationalität.

Welches sind diese emotionalen Bedürfnisse?

Zentral ist der Sündenbockmechanismus. Man sucht jemanden, der für alles verantwortlich ist. So kann man Gefühle, die dem Selbstbild widersprechen - Scham, Trauer - fernhalten. Statt dass man den Fehler bei sich erkennt, verweist man auf den anderen. Das machen schon die Kinder: Immer sind die anderen schuld.

Das klingt jetzt alles so, als ob man den Judenhass einfach akzeptieren müsste als etwas nicht Veränderbares.

Ein deutscher jüdischer Soziologe hat einmal gesagt: "Natürlich werden wir nicht aufhören, die Wahrheit zu sagen, Lügen zu bekämpfen, gegen Unterstellungen Einspruch zu erheben, aber wir tun es im Bewusstsein der absoluten Nutzlosigkeit."

Als Kind wurden Ihnen, Emanuel Hurwitz, Steine nachgeworfen, Sie wurden als Jude verspottet. Als Erwachsener traten Sie in den 80er Jahren aus der SP aus, weil Sie auch dort auf Antisemitismus stiessen. Und heute wieder diese Regungen. Kann sich diese Gesellschaft denn wirklich nicht vom Antisemitismus befreien?

Befreien ist ein zu hohes Ziel. Ein erster wichtiger Schritt wäre es, zu erkennen, dass unsere Kultur antisemitisch geprägt ist. Wir alle - Nichtjuden und Juden - sind demnach antisemitisch beeinflusst. Mit dieser Erkenntnis, die vielleicht schmerzhaft ist, liesse sich viel besser über Antisemitismus diskutieren. Sie ermöglichte uns, ihn kritisch zu reflektieren und so vielleicht etwas zu kontrollieren.

Nun haben sich die Banken mit den jüdischen Organisationen auf eine sogenannte Globallösung geeinigt. Freut Sie das?

Überhaupt nicht. Erstens erinnert mich das Wort Globallösung ganz düster an vergangene Zeiten und an das Wort Endlösung. Zweitens birgt diese Lösung die Gefahr, dass nun wiederum die wirkliche Diskussion über Antisemitismus, über Schuld und Verantwortung, vom Tisch ist. Es wäre ein fatales Missverständnis, Schuld in Schulden umzuwandeln und zu glauben, wenn die Schulden abgezahlt sind, habe man die Schuldfrage gelöst.

Könnte die Globallösung nicht auch dazu beitragen, die Situation zu beruhigen und dem Antisemitismus entgegenzuwirken?

Antisemitismus wird nicht stärker oder schwächer. Er zeigt sich einfach offener oder bleibt verborgener. Wenn nach dieser Globallösung wieder Ruhe einkehrt, dann fürchte ich, ist es eine trügerische Ruhe. Die Geschichte zeigt, dass der Antisemitismus immer pendelt zwischen Explosionen und Zeiten, in denen das Thema tabu ist.

TA-Media AG , 3.9.98

Emanuel Hurwitz, 63, ist Psychiater, Psychotherapeut und Publizist in Zürich. Hurwitz war 1979-1984SP-Vertreter im Kantonsrat von Zürich. 1984 trat er aus Protest gegen einseitig antiisraelische Tendenzen aus der Partei und dem Kantonsrat aus. In seinem Buch "Bocksfuss, Schwanz und Hörner" (Nagel und Kimche, 1986, vergriffen) verwebt Hurwitz seine Biographie mit einer Analyse des europäischen Antisemitismus des 19.Jahrhunderts. 1991veröffentlichte er sein zweites Buch: "Juden und Christen" (Nagel und Kimche).

 


 

Antizionismus und Antisemitismus

Als Antisemitismus wird die "Abneigung oder Feindseligkeit gegen Juden" bezeichnet.

 

Als Antizionismus wird die "Ablehnung der Bewegung des Judentums zur Rückkehr aller Juden in das Land Israel" bezeichnet.


1. Antizionismus kann nicht generell mit Antisemitismus gleichgestellt werden. Obwohl Zionismus ohne Judentum nicht existieren würde, sind nicht alle Juden Zionisten. Anderseits gibt es auch zahlreiche Nicht-Juden, die sich als Zionisten bezeichnen. Deshalb wäre es eine zu grosse Vereinfachung, grundsätzlich jede Art von Antizionismus als Antisemitismus zu bezeichnen. Obwohl Zionismus ohne Judentum nicht existieren würde, sind nicht alle Juden Zionisten. Anderseits gibt es auch zahlreiche Nicht-Juden, die sich als Zionisten bezeichnen. Deshalb wäre es eine zu grosse Vereinfachung, grundsätzlich jede Art von Antizionismus als Antisemitismus zu bezeichnen. Und dennoch, der Antizionismus wird sehr oft als Ersatz verwendet für den Antisemitismus, der nach Auschwitz nicht mehr salonfähig ist.

Am offensichtlichsten ist dies in der kommunistischen Welt ersichtlich. Unter dem Deckmantel der internationalen Marxistisch-Leninistischen Ideologie wurde die antisemitische Tradition des zaristischen Russlands wiederbelebt. Das Wort «Jude» wurde durch «Zionist» ersetzt. Die seit Jahren andauernde Verunglimpfung Israels durch Moskau weist darauf hin, dass das jüdische Volk als ganzes einer neuen Form des Antisemitismus entgegentreten muss.

2. Auch in der arabischen Welt wird zwischen Antizionismus und Antisemitismus kaum unterschieden. In der arabischen Welt entstand Antizionismus beim Versuch, die Entstehung eines nicht-arabischen Staates in einer vorwiegend arabischen Region zu verhindern. Dabei wurde und wird nicht zwischen Jude und Zionist unterschieden. Arabischer Antizionismus mündete sehr oft in antijüdische Ausschreitungen und Diskriminierungen aus. Auch in der arabischen Welt wird zwischen Antizionismus und Antisemitismus kaum unterschieden. In der arabischen Welt entstand Antizionismus beim Versuch, die Entstehung eines nicht-arabischen Staates in einer vorwiegend arabischen Region zu verhindern. Dabei wurde und wird nicht zwischen Jude und Zionist unterschieden. Arabischer Antizionismus mündete sehr oft in antijüdische Ausschreitungen und Diskriminierungen aus.

3. Antizionismus kann als Antisemitismus gebrandmarkt werden,

 

4. Antizionismus kann sich auch dann antisemitisch auswirken, wenn er ursprünglich frei von Antisemitismus war. Im Westen haben zahlreiche Ereignisse gezeigt, dass dann, wenn eine Regierung eine antizionistische (lies: anti-israelische) Politik verficht, latent vorhandene antisemitische Regungen vermehrt manifest werden. Antizionismus kann sich auch dann antisemitisch auswirken, wenn er ursprünglich frei von Antisemitismus war. Im Westen haben zahlreiche Ereignisse gezeigt, dass dann, wenn eine Regierung eine antizionistische (lies: anti-israelische) Politik verficht, latent vorhandene antisemitische Regungen vermehrt manifest werden.

5. Antizionismus wird oft mit Anti-Rassismus und Anti-Imperialismus gleichgesetzt. Tatsächlich ist aber das antizionistische Vokabular jenem der traditionellen Antisemiten oft sehr nahe steht. Die Vorwürfe, die früher dem Juden als Individuum gemacht wurden, gelten heute dem Staat Israel. Israel wird als Eindringling in die Region des Nahen Ostens bezeichnet, als kapitalistischer Ausbeuter und als kolonialistischer Unterdrücker eines intelligenten (palästinensischen) Volkes. Israel, der Vorposten einer weltweiten imperialistischen Verschwörung...

Wenn man den pseudo-marxistischen Jargon weglässt, erkennt man die sattsam bekannte antisemitische Dialektik, die bereits von den Nazis verwendet wurde.

In der ersten Phase wird der Feind isoliert. In der zweiten Phase wird er aus den politischen Gremien verbannt. Schliesslich wird er, in der dritten Phase, liquidiert, falls die ersten zwei Phasen erfolgreich verlaufen sind.

Die antizionistische Kampagne zielt darauf ab, Israel als rassistischen Staat von der Staatengemeinschaft verurteilen zu lassen. Zuerst soll Israel diplomatisch isoliert werden. Anschliessend streben die Antizionisten den Ausschluss Israels aus der UNO an. Schliesslich soll Israel liquidiert werden, sobald es die politischen und militärischen Umstände in der Welt günstig erscheinen lassen.

6. Die antizionistische Kampagne stützt sich auf den Einfluss und die Macht der arabischen und kommunistischen Staaten ab. Die Abhängigkeit der Drittwelt-Staaten und sogar der westlichen Welt  von diesen zwei Machtblöcken ermöglicht es immer wieder, den Antisemitismus in neue Länder zu «exportieren». Israel wird dabei dauernd als ein Hindernis auf dem Weg zur Dekolonisation und als imperialistische Enklave im Herzen der afrikanisch-asiatischen Welt dargestellt. Dieser stereotype Vorwurf ist auf nachhaltigen Widerhall bei den unterentwickelten Staaten gestossen. Dies erschwert die Bekämpfung des Antizionismus ungemein. In den westlichen Industriestaaten kann der Nahost-Konflikt seit dem Jom-Kippur-Krieg sowieso nicht mehr isoliert betrachtet werden. Der Westen ist kaum bereit, zugunsten Israels Rezessionen und Wirtschaftskrisen hinzunehmen. Die antizionistische Kampagne stützt sich auf den Einfluss und die Macht der arabischen und kommunistischen Staaten ab. Die Abhängigkeit der Drittwelt-Staaten und sogar der westlichen Welt  von diesen zwei Machtblöcken ermöglicht es immer wieder, den Antisemitismus in neue Länder zu «exportieren». Israel wird dabei dauernd als ein Hindernis auf dem Weg zur Dekolonisation und als imperialistische Enklave im Herzen der afrikanisch-asiatischen Welt dargestellt. Dieser stereotype Vorwurf ist auf nachhaltigen Widerhall bei den unterentwickelten Staaten gestossen. Dies erschwert die Bekämpfung des Antizionismus ungemein. In den westlichen Industriestaaten kann der Nahost-Konflikt seit dem Jom-Kippur-Krieg sowieso nicht mehr isoliert betrachtet werden. Der Westen ist kaum bereit, zugunsten Israels Rezessionen und Wirtschaftskrisen hinzunehmen.

7. Antizionismus ist eine verschwommene Bezeichnung, die es jedem ermöglicht, sich einer unverdächtigen Bewegung anzuschliessen, die aus den mannigfachen Gründen Israel zum Sündenbock für die verschiedensten Probleme macht. Antisemitismus bildet für viele, aber nicht für alle, die Triebfeder ihres Antizionismus. Bedenklich stimmt, dass der Kreuzzug gegen Israel latente antisemitische Gefühle wieder salonfähig gemacht hat. Die Terminologie hat sich verändert und der heutigen politischen Situation angepasst. Der Antizionismus der siebziger Jahre hat jedoch dem Antisemitismus der Nach-Hitler-Zeit einen neuen ideologischen Rahmen gegeben.

WB01529_.gif (286 Byte)


 

DIE MACHT, DAS GELD UND DIE JUDEN


ESSAY ZUM ÖFFENTLICHEN UMGANG MIT ANTISEMITISMUS IN DER SCHWEIZ

VON

BIRGIT R. ERDLE und DANIEL WILDMANN

Der gegenwärtige öffentliche Umgang mit dem Antisemitismus in der Schweiz hat eine Geschichte. Ein grundlegendes Moment dieser Geschichte ist die Vorstellung, Antisemitismus existiere in der Schweiz nicht, er stelle ein unschweizerisches Phänomen dar. Schon vor 1945 liegt ein Spezifikum des schweizerischen Antisemitismus darin, dass er sich selbst nie als Antisemitismus versteht. Vielmehr wird er imaginiert als etwas, das von aussen kommt, als ansteckender Fremdkörper. Auf diese Weise wird er mit denjenigen Juden und Jüdinnen identifiziert, die als «unschweizerisch» qualifiziert werden und die Schweiz zu «überfremden» oder zu «verjuden» drohen. Selbst wenn in der Öffentlichkeit neuerdings konzediert wird, dass es Antisemitismus in der Schweiz gegeben habe und noch immer gebe, so bleibt doch die Deutung konstant, dass es «die Juden» seien, die ihn provozieren, die an ihm schuld sind.

Präzise nach diesem historisch tradierten Denkmuster verfährt Kaspar Villiger, der damalige Bundespräsident, wenn er  an der Gedenkfeier der Vereinigten Bundesversammlung zum 50. Jahrestag des Kriegsendes in Europa, am 7. Mai 1995, die Zurückweisung jüdischer Menschen mit «Angst vor Deutschland», der «Furcht vor Überfremdung durch Massenimmigration» und der «Sorge um politischen Auftrieb für einen auch hierzulande existierenden Antisemitismus» begründet. Villiger erklärt die Zurückweisung als Reaktion auf eine Bedrohung aus dem Ausland, und als Prävention gegen Antisemitismus. Zugleich benennt  er die Politik der Zurückweisung als «Versagen», d. h. als Abweichung von der Regel: einer Regel, in der - so die unausgesprochene Implikation - Antisemitismus nicht vorkommt.

Wie Jacques Picard in seiner grundlegenden Studie «Die Schweiz und die Juden 1933-1945» zeigt, stellt der Begriff «Flüchtlingspolitik» als Bezeichnung für diese Zurückweisung einen Euphemismus dar; denn es ging darum, nicht Flüchtlinge, sondern spezifisch «nichtarische» Flüchtlinge von der Schweiz fernzuhalten. Diese Politik war - so Picard - eine «Judenpolitik». Sie hatte eine Struktur, die antisemitisch war, und wurde von schweizerischen Beamten festgelegt und ausgeführt, die ihrerseits in der Schweiz sozio-kulturell geprägt wurden. Daher drängt sich die Frage auf, ob dieses «Versagen» eben kein «Versagen», sondern selbst Regel ist, d. h. Resultat einer spezifischen schweizerischen Tradition des Antisemitismus, die sich nicht auslagern lässt.

Antisemitismus arbeitet mit stereotypen Bildern und Bildverknüpfungen, die in unterschiedlichen historischen Konstellationen verschieden ausgeformt werden. Als ideologische Form wird der Antisemitismus durch drei Momente bestimmt. Zunächst wird eine Differenz konstruiert. Bezogen auf die Schweiz bedeutet dies:  hier «die Juden» - dort «die Schweizer». Diese Differenz wird hierarchisiert, und es werden stereotype Bedeutungen formuliert, die biologistisch und historisch argumentieren: Der «Jude» ist so, wie er ist; er ist immer verdächtig, kein vollkommener «Schweizer» zu sein. Antisemitismus arbeitet mit stereotypen Bildern und Bildverknüpfungen, die in unterschiedlichen historischen Konstellationen verschieden ausgeformt werden. Als ideologische Form wird der Antisemitismus durch drei Momente bestimmt. Zunächst wird eine Differenz konstruiert. Bezogen auf die Schweiz bedeutet dies:  hier «die Juden» - dort «die Schweizer». Diese Differenz wird hierarchisiert, und es werden stereotype Bedeutungen formuliert, die biologistisch und ahistorisch argumentieren: Der «Jude» ist so, wie er ist; er ist immer verdächtig, kein vollkommener «Schweizer» zu sein.
Zentral für die Ausformulierung antisemitischer Stereotypen   ist die Vorstellung von der Macht «der Juden»: Es ist eine Macht, die bedroht, die die herrschende Ordnung in Frage stellt und die folglich in letzter Konsequenz zerstört werden muss. Diese Denkmodelle wurden im 18. und 19. Jahrhundert im Kontext der Aufklärung ausformuliert. Sie nahmen ältere, innerhalb der christlichen Theologie begründete Vorstellungen auf, die in der wissenschaftlichen Literatur als «Judenfeindschaft» bezeichnet werden.

Die Beschreibung des Antisemitismus als «kultureller Code» (Shulamit Volkov) rückt die Verknüpfung von Stereotyp, Identität und Handlung in Politik und Alltag in den Vordergrund. Als kultureller Code stellt der Antisemitismus eine komplexe Sprache dar, in der sich eine Gesellschaft über sich selbst und über ihre Geschichte verständigt, in der sozialer Konsens hergestellt und Zugehörigkeiten verteilt werden. In dieser Sprache sind nicht so sehr die Zeichen eines «fehlgeleiteten Sozialprotestes» (Aram Mattioli) zu lesen, sondern eher Zeichen einer Normalität. Wirksam wird der Code oft allein dadurch, dass bestimmte Assoziationsfelder aufgerufen werden, ohne dass die Wörter «Jude», «Jüdin» oder «jüdisch» vorkommen müssen. Ein bestimmtes Wort oder eine Redewendung knüpfen an jenes Bündel von Vorstellungen an, die den Antisemitismus als kulturellen Code ausmachen.

Obwohl der Antisemitismus auf das Konzept der «Rasse» rekurriert, sind Rassismus und Antisemitismus verschiedene Phänomene, sowohl in ihrer Geschichte, in der inhaltlichen Ausformung ihrer Stereotypen, als auch in ihren Konsequenzen. Ein Angelpunkt der Differenz ist gerade die Vorstellung von der Macht. In der antisemitischen Perspektive sind Juden Gottesmörder und Weltverschwörer; sie sind reich und beherrschen die Medien: es ist diese Macht, die - in der antisemitischen Wahrnehmung - gebrochen werden muss. Für das westliche rassistische Denken hingegen planen «Schwarze», «Türken» oder «Tamilen» nie eine geheime Weltverschwörung, noch wird ihnen eine die Ordnung der Gesellschaft bedrohende ”konomische, politische oder intellektuelle Macht unterstellt. Ein Subsumieren von Antisemitismus unter Rassismus ignoriert diese Differenz und bringt dadurch das Spezifische des Antisemitismus und der Shoah zum Verschwinden.

Ein antisemitisches Stereotyp, das an die Vorstellung von der bedrohlichen Macht der «Juden» anschliesst, ist die Verknüpfung von «Juden» und Geld. Diese Verknüpfung, die eine komplexe Geschichte hat und in die antimoderne und antikapitalistische Motive eingehen, verweist auf eine prekäre Voraussetzung der gegenwärtigen Diskussion um die Schweiz im sogenannten «Schatten des Zweiten Weltkriegs». Denn insofern die Debatte ausgelöst wurde durch die verschwiegenen «nachrichtenlosen Vermögen» und insofern in ihr «Geld» und «Gold» ständig auftauchen, ist sie von vornherein in einem Dispositiv des Antisemitismus angesiedelt. In der gegenwärtigen Auseinandersetzung um den Ort der Shoah in der Geschichte der Schweiz wurde dieses Faktum bisher kaum berücksichtigt. Daher wäre die Frage zu stellen nach dem Zusammenhang, der zwischen der «Judenpolitik» während der 30er und 40er Jahre und der gegenwärtigen Vergangenheitspolitik als Geldpolitik  in der Schweiz besteht.

Im Umgang mit der «Schuldfrage» wird deutlich, wie die schweizerische Version der Vergangenheitspolitik als Geldpolitik funktioniert:  Schuld wird - aufgehängt am Begriff der «nachrichtenlosen Vermögen» - primär als Schulden verstanden. Was in dieser Perspektive vermieden werden soll, ist eine Rückübersetzung von Schulden in Schuld. Dem kommt entgegen, dass Schulden als Restitutionsgelder verhandelt werden: als Rückerstattung, die eine versäumte Auszahlung nachholt. Schuld bemisst sich so in harten Schweizer Franken. Wenn jüngst der Geschäftsführer des Jüdischen Weltkongresses, Elan Steinberg, bezogen auf die «nachrichtenlosen Vermögen», bemerkte, aus historischer Sicht könne ein Konto mit einem Rappen mehr bedeuten als ein solches mit 500 Franken (NZZ, 30.10.1997), so tritt die Schuld, um die es in Wirklichkeit geht, hinter den Schulden wieder hervor.

Der Antisemitismus, der seit Beginn der Diskussion um die «nachrichtenlosen Vermögen» und seit den Äusserungen des damaligen Bundespräsidenten Jean-Pascal Delamuraz in der Schweiz aufbricht, ist ein Antisemitismus nicht trotz, sondern «wegen Auschwitz» (Henryk Broder). Verspätet wird so auch in der Schweiz ein spezifisches Motiv des Antisemitismus nach 1945 offenkundig, wie er sich in Deutschland, aber auch in anderen europäischen Ländern seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs entwickelt hat. Er bezieht sich unmittelbar auf das "erinnert werden" an eine Geschichte, die nicht abschliessbar und nicht zu «bereinigen» ist. Bezogen auf die Schweiz, reagiert der Antisemitismus wegen Auschwitz auf die Bedrohung, die dieses Erinnert-werden für das nationale Selbstbild, unschuldig und rein zu sein, bedeutet. Sichtbar wird er  in antisemitischen Sprechverboten, die seit dem Beginn der gegenwärtigen Debatte um den Ort der Shoah in der Schweizer Geschichte ganz explizit auftreten. Paradigmatisch zeigt sich dies in einem Leserbrief, den die «Neue Zürcher Zeitung» in einem kritischen Resum‚ über Zuschriften ihrer Leser und Leserinnen wiedergibt. Diese Zuschrift spricht vom «jüdischen Gejammer», mit dem «die Gesamtheit der Juden» Gefahr laufe, «ihre Sympathien, die sie in der Schweiz unzweifelhaft und nicht zu unrecht geniessen, zu verlieren» (NZZ, 13.1.1997). Damit ist eine Drohung ausgesprochen, die an Erpressung grenzt. «Sympathie» wird an Stillschweigen gebunden. In dem Moment, da Juden und Jüdinnen an die Verwicklungsgeschichte der Schweiz erinnern und den Bruch benennen, den Auschwitz für das Verhältnis zwischen Juden und Nichtjuden bedeutet, wird ihnen die Sympathie entzogen. Entlang dieser Linie läuft die Unterscheidung zwischen «schweizerischen» und «unschweizerischen» Juden: «Schweizerische» Juden sind diejenigen, die sich an die conspiration du silence halten, die das Bild, nicht verwickelt zu sein, nicht stören. Diejenigen Juden und Jüdinnen, die nicht still schweigen, die stören, werden zum Fremdkörper gemacht. Auf diese Weise verbietet man ihnen, sich ihrer Geschichte zu erinnern; gleichzeitig wird ebenso stillschweigend unterstellt, es handle sich dabei um jüdische Geschichte, nicht um schweizerische und europäische Geschichte.

Es entspricht daher der Logik dieses schweizerischen antisemitischen Dispositivs, dass Delamuraz den Holocaust-Fonds, der die Schweiz mit der Shoah in Verbindung bringt, als «Fremdkörper» bezeichnete - als einen «corps ‚tranger», den er den Forderungen der sogenannten «milieux juifs am‚ricains» zuschreibt (Tribune de Genève, 31.12.1996).

In öffentlichen Reaktionen wurde Delamuraz' Rede von «rançon» und «chantage», von «Lösegeld» und «Erpressung»,  die im selben Interview in der «Tribune de Genève» formuliert wurde, fast durchwegs als eine «Entgleisung», als «Fehlleistung» oder als «Missverständnis» qualifiziert. Auffallend ist, dass in der gegenwärtigen Diskussion genau dieselben Begriffe auch im Zusammenhang mit den Verwicklungsgeschichten der Schweiz - etwa in bezug auf die antisemitische Flüchtlingspolitik - immer wieder auftauchen: «Versäumnis», «Fehlleistung»,  «Versagen». Eine begriffliche Variante, die dieselbe Strategie verfolgt, sich aber an eine juristische Terminologie anlehnt, ist die Formel von der «unterlassenen Nothilfe», die der Präsident der FDP, Franz Steinegger, eingeführt hat (NZZ, 11.2.1997). Die genannten Begriffe sparen den Antisemitismus aus bzw. beschreiben ihn als Fehler im System und unterstellen damit, er sei ein Sonderfall und etwas Systemfremdes. Sie legen nicht nur eine Interpretation von Geschichte fest - gleichzeitig strukturieren sie auch den Diskurs über die Verwicklungsgeschichte der Schweiz. Sie geben die Sprachregel vor, wie in der Nachgeschichte über diese Geschichte diskutiert wird und was in ihr ausgelassen bleibt.

Wie erfolgreich antisemitische Stereotypen die gegenwärtigen Debatte durchdringen, zeigte eine Ausgabe der Zeitschrift «Facts», die in der Absicht produziert wurde, den Antisemitismus zu bekämpfen. Das Heft, auf dessen Cover die Reportage «Der Einfluss der Juden» angekündigt  war, trug den Titel: «Wir und die Juden» (Facts, Nr.3, 16.1.1997). ie erfolgreich antisemitische Stereotypen die gegenwärtigen Debatte durchdringen, zeigte eine Ausgabe der Zeitschrift «Facts», die in der Absicht produziert wurde, den Antisemitismus zu bekämpfen. Das Heft, auf dessen Cover die Reportage «Der Einfluss der Juden» angekündigt  war, trug den Titel: «Wir und die Juden» (Facts, Nr.3, 16.1.1997).
Die Intention der Zeitschrift war es, so Chefredaktor Jürg Wildberger, über die «wahre Macht der Juden» aufzuklären, und zwar mit Hilfe von statistischem Material, das diese «wahre Macht» beziffern sollte. Faktisch, so das Fazit der Reportage, gibt es für Antisemitismus in der Schweiz keinen Grund, weil Juden und Jüdinnen in der Schweiz keine Macht haben   ob bei den Banken, in der Industrie oder in den Medien. Die Zahlen belegen, dass der Anteil «der Juden» in diesen Feldern klein ist. Über diese Form der Beweisführung wird der Grund für Antisemitismus den Juden und Jüdinnen selbst zugeschrieben. Die Argumentation von «Facts» lässt damit eine ganz andere Frage zu, nämlich: was wäre, wenn «die Juden» in der Schweiz tatsächlich Macht hätten? Gäbe es dann für Antisemitismus einen Grund?

Die Zeitschrift reproduziert nicht nur das strukturelle Prinzip, die Ursache des Antisemitismus in «die Juden» selbst zu verlegen. Gleichzeitig wird die stereotype Vorstellung von der Macht «der Juden» ungebrochen reproduziert, wenn auch mit aufklärerischem Impetus. Das, worüber  «Facts» aufklärt, betrifft Zahlenverhältnisse, nicht die Bedeutungen, die an die stereotype Vorstellung gebunden sind. Das Bild selbst wird nicht in Frage gestellt. Die Argumentation verharrt innerhalb des Bildes - das Bild bleibt.

Die verschiedenen Handlungsweisen des Staates und seiner Bürger und Bürgerinnen werden in der laufenden Debatte häufig gegeneinander gestellt und miteinander verrechnet. So diskutiert beispielsweise der Chefredaktor der Neuen Zürcher Zeitung, Hugo Bütler, die Verwicklungsgeschichte der Schweiz in den Begriffen von «Versagen» und «Leistung», die sich zu einem, wie er es nennt, «per saldo» aufsummieren lassen (NZZ, 13.10.1997). Somit stellt sich die Frage, wie sich das diskursive Verhältnis zwischen einer rechnenden Interpretation von Geschichte und den geplanten finanziellen Leistungen bestimmen lässt.

Bundespräsident Arnold Koller hat in seiner Rede vom 5. März 1997 vor der Vereinigten Bundesversammlung, in der er das Projekt einer «Schweizerischen Stiftung für Solidarität» vorschlug, erklärt, die Schweiz müsse mit Geschichte und Nachgeschichte «endlich ins reine kommen». Es scheint, dass dieses «ins reine kommen» als abschliessende Schadensabwicklung verstanden wird, die in Form von Finanz-Operationen geschieht - innerhalb eines antisemitischen Dispositivs - und dass damit Geschichte, Nachgeschichte und Antisemitismus wieder ausgelagert werden können, wie es der eingangs beschriebenen schweizerischen Tradition des Umgangs mit Antisemitismus entspricht.

Eine solche Auslagerung würde aber einem Denk- und Verhaltensmuster entsprechen, das in seiner Kontinuität die Kriegsgeneration mit den nachfolgenden Generationen zu verbinden scheint: Es gibt eine physische Ausgrenzung von Juden und Jüdinnen, etwa die Zurückweisung an der Grenze oder die «Arisierung» ihres Besitzes - und es gibt eine mentale Ausgrenzung, die als Vernichten der Erinnerung bezeichnet werden kann, und die einer zweiten Verfolgung gleichkommt. Die jüngeren Generationen der Schweizerinnen und Schweizer finden sich - wenn sie meinen, sie hätten «damit» nichts zu tun, weil es sich um «Vergangenheit» handle - in einer Traditionslinie mit der älteren Generation, die mit der physischen Ausgrenzung zu tun hatte. ine solche Auslagerung würde aber einem Denk- und Verhaltensmuster entsprechen, das in seiner Kontinuität die Kriegsgeneration mit den nachfolgenden Generationen zu verbinden scheint: Es gibt eine physische Ausgrenzung von Juden und Jüdinnen, etwa die Zurückweisung an der Grenze oder die «Arisierung» ihres Besitzes - und es gibt eine mentale Ausgrenzung, die als Vernichten der Erinnerung bezeichnet werden kann, und die einer zweiten Verfolgung gleichkommt. Die jüngeren Generationen der Schweizerinnen und Schweizer finden sich - wenn sie meinen, sie hätten «damit» nichts zu tun, weil es sich um «Vergangenheit» handle - in einer Traditionslinie mit der älteren Generation, die mit der physischen Ausgrenzung zu tun hatte.
Die Auseinandersetzung müsste darum gehen, solche Kontinuitäten zu denken  und sich in ihnen zu verorten. Und sie müsste Antisemitismus als etwas sehen, das Kultur, auch die eigene, strukturiert und in ihr tradiert wird.

Erscheint in:
Traverse, Zeitschrift für Geschichte/Revue d'histoire, 1 (1998)

 

Quellen:
Martin Breitenstein, Aufwallungen der Volksseele um die nachrichtenlosen Vermögen. Empörung, Sorge und Gehässiges in Briefen an die NZZ, Neue Zürcher Zeitung Nr.9/13. Januar 1997, 15.
Hugo Bütler, Schweizer Vergangenheit auf dem Prüfstand, Neue Zürcher Zeitung Nr. 237/13. Oktober 1997, 11.
Jean-Pascal Delamuraz, Interview mit Denis Barrelet, Tribune de Genève Nr.304/31. Dezember 1996, 3.
Facts, Wir und die Juden, Das Schweizerische Nachrichtenmagazin, Nr.3/16. Januar 1997, 18-29.
Arnold Koller, Die Schweiz und die jüngere Zeitgeschichte. Erklärung von Bundespräsident Arnold Koller vor der Bundesversammlung, Neue Zürcher Zeitung Nr. 54/6. März 1997, 15.
Franz Steinegger, Kein Grund zur Scham, Neue Zürcher Zeitung Nr. 34/11. Februar 1997, 15.
Kaspar Villiger, 50 Jahre Frieden, Neue Zürcher Zeitung Nr.105/8. Mai 1995, 17.

Literatur:
Detlev Claussen, Vom Judenhass zum Antisemitismus. Materialien einer verleugneten Geschichte, Darmstadt 1987.
Birgit R. Erdle, Traumatisiertes Gedächtnis und zurückgewiesene Erinnerung. Zu Binjamin Wilkomirskis Buch «Bruchstücke. Aus einer Kindheit 1939-1948», in Corina Caduff (Hg.), Figuren des Fremden in der Schweizer Literatur, Zürich 1997, 153-174.
Nicoline Hortzitz, Die Sprache der Judenfeindschaft, in Julius Schoeps, Joachim Schlör (Hg.), Antisemitismus, Vorurteile und Mythen, München 1995, 19-40.
Aram Mattioli, Juden und Judenfeindschaft in der schweizerischen Historiographie - Eine Replik auf Robert Uri Kaufmann, in Traverse 1 (1997), 155-163.
Jacques Picard, Die Schweiz und die Juden 1933-1945, Schweizerischer Antisemitismus, jüdische Abwehr und internationale Migrations- und Flüchtlingspolitik, Zürich 1994.
Daniel Wildmann, Wo liegt Auschwitz? Geographie, Geschichte und Neutralität, in Arbeitskreis Armenien (Hg.), Völkermord und Verdrängung, Der Genozid an den Armeniern - Die Schweiz und die Shoah, Zürich 1998.

Autoren:
Birgit R. Erdle
Dr. phil., Literaturwissenschafterin. Forschungsschwerpunkte: Geschichte des Antisemitismus, Nachgeschichte des Nazismus und der Shoah, Gedächtnis-Theorie, Psychoanalyse und Literatur. Jüngste Publikationen: Antlitz-Mord-Gesetz, Figuren des Anderen bei Gertrud Kolmar und Emmanuel L‚vinas, Wien 1994; zusammen mit Sigrid Weigel (Hg.), Fünfzig Jahre danach, Zur Nachgeschichte des Nationalsozialismus, Zürich 1995.

Daniel Wildmann
Daniel Wildmann
lic. phil., Historiker, wiss. Mitarbeiter der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz-Zweiter Weltkrieg. Forschungsschwerpunkte: deutsch-jüdische Geschichte des 19./20. Jahrhunderts, NS-Geschichte, Körpergeschichte. Mitarbeit in diversen Dokumentarfilmen wie «Surava» oder «Der Fall Grüninger». Jüngste Publikation: Begehrte Körper, Konstruktion und Inszenierung des «arischen» Männerkörpers im «Dritten Reich», Würzburg 1998. lic. phil., Historiker, wiss. Mitarbeiter der Unabhängigen Expertenkommission Schweiz-Zweiter Weltkrieg. Forschungsschwerpunkte: deutsch-jüdische Geschichte des 19./20. Jahrhunderts, NS-Geschichte, Körpergeschichte. Mitarbeit in diversen Dokumentarfilmen wie «Surava» oder «Der Fall Grüninger». Jüngste Publikation: Begehrte Körper, Konstruktion und Inszenierung des «arischen» Männerkörpers im «Dritten Reich», Würzburg 1998.

WB01529_.gif (286 Byte)

 


 

Mal sind sie Mörder, mal Betrüger, 
mal Schänder

Antisemitismus in der Schweiz: Einige zufällig ausgewählte Beispiele. 

 

August 1998, Bellevue, Zürich Auf der Wand einer Tramhaltestelle klebt ein Flugblatt mit dem Titel: "Kampf dem Rassismus". Der Verfasser - er zeichnet namentlich - zitiert "schweinische" Textstellen und "semitische Liebenswürdigkeiten" aus dem babylonischen Talmud sowie Aussagen von Rabbinern. So soll ein "Rabbi Schneru Salman" zum Beispiel gesagt haben, dass "Nichtjuden der Abschaum der Schöpfung" seien. Die Aussagen vermitteln das Bild, die jüdische Religion sei grössenwahnsinnig und erhebe Anspruch auf die Weltmacht. Der Autor insinuiert Kinderschändung, Vergewaltigung und Gewalt gegen Nichtjuden gehörten zur jüdischen Religion. Abschliessend stellt der Autor die Juden als Rassisten hin und beklagt sich, das Anti-Rassismus-Gesetz schütze sie in ihrer rassistischen Tätigkeit.
 

Winter 1997, in einem Fussballstadion in Zürich, Logen Der Medienunternehmer Roger Schawinski steht mit seinem kleinen Sohn in einer Menschenschlange. Ein feingewandeter Mann beginnt, öffentlich gegen ihn zu pöbeln: "Schau dort der Schawinski. Der wollte doch den ZSC (Eishockeyklub) kaufen. Der macht es auch nur mit dem Geld, aber wenn es drauf ankommt, macht er nichts. Dieser Saujud. Die sollte man alle aufhängen."
 

Frühling 1998, Paradeplatz, vor der "Shoa"-Plastik Ein älterer Mann wettert einem Journalisten ins Mikrophon: "Diese Juden sollten vor der eigenen Türe wischen, die haben ja schliesslich unseren Heiland umgebracht."
 

Winter 1997, "Café Odeon" Eine Gruppe Männer zwischen 45 und 75 sprechen über die Juden. "In den USA sind doch alle Medien im Besitz der Juden, das ist eine Mafia. Ich sage dir, wenn man in der Schweiz eine Umfrage machen würde, wo jeder anonym auf einen Zettel schreiben könnte, ob er für oder gegen die Juden ist: Ich sage dir, die meisten, 90 Prozent wären gegen die Juden. Ich möchte ja nicht, dass wieder so etwas passiert wie im Zweiten Weltkrieg. Weisst du, das finde ich auch schlimm, aber . . ." Ein anderer Mann, anscheinend Professor: "Du, in meinem Institut, da ist jetzt ein neuer Professor angestellt worden, ein Ausländer, du kannst dreimal raten, was für einer." Der andere: "Ein Jude." - "Ja, genau. Jetzt sind am Institut alle, bis auf zwei Professoren, Juden."
 

1.August-Feier 1998, Zürich. An zwei Festtischen wird über "die Juden" gesprochen. Ein Mann, etwa 60, sagt: "Diese Geldforderungen sind viel zu hoch. D'Amato ist doch auch ein Jude, der will uns auch an den Geldsäckel." Ein anderer erzählt ein persönliches Erlebnis, wie er von einem Juden in einem Laden beschissen worden sei. François Loeb wird erwähnt: "Der Nationalrat und Warenhausbesitzer, der wurde ja schliesslich auch Millionär." (pae)

TA-Media AG,  3.9.1998


WB01529_.gif (286 Byte)

 


 

Als Jude erkennbar

Jude und Ultraorthodox in Berlin

Er trägt einen schwarzen runden Hut, einen langen schwarzen Mantel, einen langen Vollbart und Schläfenlocken.  Auf der Strasse, sieht man, dass er Jude ist.  Ich trage Jeans und ein blaues Hemd.  Man könnte mich für einen «echten» Berliner halten.   Als Jude wurde er auf dem Kurfürstendamm in Berlin gestossen, geschlagen, beschimpft und angespuckt.  Ich habe mit ihm diesen Weg wiederholt - von der Passauerstrasse bis zum Olivaerplatz.  In dieser halben Stunde mit Moshe Stern habe ich mehr über die Haltung der Deutschen zu ihrer Vergangenheit gelernt als in vielen Ausstellungen, Filmen und Trauerkundgebungen.

Um ehrlich zu sein, hätte ich nicht geglaubt, dass Stern sich bei mir melden würde, denn in Israel meiden Utraorthodoxe säkulare Journalisten.  Dann habe ich mir gedacht, der Mann sei ein Hitzkopf, einer, der alle Deutschen für Nazis hält und hier dauernd Provokationen verursacht, um seine These zu bestätigen. Ich habe mich geirrt. Stern redete mit nur gern, weil er dadurch andere, Juden ermuntern wollte, denen Ähnliches passiert war.  Und er hatte alles Mögliche getan, um gefährliche Situationen zu vermeiden.  Daher ist er nachts nicht mehr auf die Strasse gegangen.  Wie vereinbart, läuft Moshe Stern in kurzer Distanz vor mir, damit ich die Reaktionen der Berliner beobachten kann.

Sie starren ihn an, dann drehen sie sich um und glotzen von hinten, als ob er ein Ausserirdischer wäre.  Mehrere lachen ihn aus, verspotten ihn.  Das sind die jüngeren. Ältere sehen ihn, aber ignorieren ihn gänzlich, in einer Art und Weise, die unnatürlich vorkommt, denn er fällt im Strassenbild immerhin auf.  Stern läuft aufrecht und schnell, seinen Blick bewusst auf die Autos und nicht auf die Menschen gerichtet.  Dennoch hält er zweimal kurz an, um Bettlern eine Münze zu geben: «Das ist eine jüdische Pflicht», sagt er.   Nach einigen Minuten laufen wir nebeneinander und unterhalten uns. «Du erinnerst die Passanten an den Holocaust, weil du wie die osteuropäischen Juden aussiehst, die von ihren Eltern und Grosseltern ermordet wurden», sage ich. «Und diese Erinnerung, wollen sie am Ku'damm nicht sehen.» Stern verneint das und bietet seine Erklärung an: « Die Deutschen wollen die Juden hier nicht.  So einfach ist es. Viele Deutsche lernen nichts über Humanismus, sondern nur über Technologie.»

Dann eilt er zu einem Velo-Taxifahrer am Breitscheidplatz, und die beiden begrüssen sich herzlich.  Stern, der in jüdischen Gemeinden Spenden für die Operation eines schwerkranken Mädchens in Israel sammelt, fährt oft nur mit dem Velo-Taxi: «Es ist billiger als die BVG, und ich weiss, wohin ich fahre.» Der Fahrer äussert seine Trauer darüber, dass Stern genau an diesem Ort angespuckt wurde.  Aber dann fügt er plötzlich (auf deutsch) hinzu, Stern provoziere doch mit seinem Aussehen.

Später erzähle ich Stern davon.  Er ist erbost. «Ich kleide mich immer so und hatte noch nirgendwo Probleme deswegen - weder in Paris noch in London, Amsterdam, Rom oder Madrid, weder in Nord- noch in Südamerika.   Nur hier.» Plötzlich grüsst ein Drehorgelspieler herzlich.  Stern strahlt: «Er ist auch Jude», erklärt er mir. «Das sehe ich.» Dann zeigt er mir das Strassencafe, wo die Passanten ihn ausgelacht haben, als er geschlagen wurde.   Diesmal starren sie ihn nur an. Beim «Kranzler» mokiert sich ein Clown über Fussgänger. Würde er sich trauen, auch Stern zu imitieren?  Nein. Die Ecke Ühlandstrasse wird Stern nicht vergessen, denn hier hat er sich bei den Polizisten beschwert, nachdem er mehrmals beschimpft worden war.

An der Ecke Fasanenstrasse treffen wir einen anderen Juden, der in die Synagoge geht. «Ich komme in 15 Minuten», verspricht Stern und erhöht sein Tempo.  Hat er niemals ein Gebet versäumt?  Stern guckt mich verwundert an: «Nein, ich denke zuerst an Gott, dann erst an mich.» Der ausgebildete Arzthelfer trägt immer ein Ersthilfe-Set mit sich, mit dem er schon einem ohnmächtig Gewordenen helfen konnte.  Schliesslich erreichen wir den Ohvaerplatz.  Er zeigt mir die Bank, auf der der Mann sass, der ihn als «dreckigen Juden» beschimpfe.  Als er die Polizisten hierher brachte, hätten sie ihm klargemacht, sie würden nichts unternehmen. «Ich fragte den Polizisten nach seinem Namen, aber er wollte ihn mir nicht nennen.» Die Zeit drängt, Stern nimmt ein Taxi. Er steigt ein und sagt dem Fahrer: «zur Synagoge». Der junge Mann fährt wegen des Strassenfestes einen Umweg. Stern wird sicherlich zu spät ankommen. Mich versorgt nun die Frage, ob ich mich auf den Ku'damm trauen würde, wenn ich als Jude erkennbar wäre.
 

VON IGAL AVIDAN
Igal Avidan ist Korrespondent der israelischen Tageszeitung «Maariv» in Berlin.

Quelle: Jüdische Rundschau Nr. 36 vom 3. September 1998

WB01529_.gif (286 Byte)