Koscher - kurz erklärt

Im Takt der Seele hin und her

 

 

 

"Koscher" - kurz erklärt

Vermutlich kennen Sie von den jüdischen Speisegesetzen vor allem, dass der Genuss von Schweinefleisch verboten ist oder dass «ein Zicklein nicht in der Milch seiner Mutter kochen» darf. Rahmschnitzel und Cordon bleu kommen für strenggläubige Juden ebensowenig in Frage wie Käse, der mit Hilfe von Lab hergestellt worden ist oder ein Milchpudding, der Gelatine aus Knochen enthält.

In der koscheren Küche erlaubt sind nur Säugetiere, die wiederkäuen, vier Füsse und gespaltene Hufe haben, also weder Schweine noch Pferde, Kamele, Kaninchen, Hasen oder Wildgeflügel. Aber auch keinen Steinbutt, Wels, Hai, Stör (und somit auch Kaviar), keine Krebse, Schalentiere oder Aale. Als koscher gelten nur Fische, die Flossen und Schuppen haben. Das schränkt den Speisezettel ziemlich stark ein. Hinzu kommt die schwierige Beschaffung. Das Fleisch von Rind, Schaf, Ziege und Huhn ist nur dann koscher, wenn ein professioneller Schächter ihnen mit einem einzigen Schnitt Nerven, Luft- und Speiseröhre und die Drosselvene durchtrennt hat. Schächten ist hierzulande verboten, weshalb koscheres Fleisch aus Frankreich eingeführt wird

Das grösste organisatorische Problem ist die strikte Trennung von Milch und Fleisch, die soziale Kontakte ausserhalb der orthodoxen Gemeinde erschwert. Milch und Fleisch müssen in zwei Kühlschränken gelagert und in verschiedenen Pfannen gekocht werden. Das Geschirr muss und in verschiedenen Spülbecken oder Geschirrspülern gereinigt werden. Auf Reisen sind die Vorschriften so schwierig einzuhalten, dass orthodoxe Juden gefilten Fisch an Meerrettichsauce mit roten Rüben lieber von zuhause mitnehmen.

Aber was hat das mit Wein zu tun? Alkohol wird, ob als Wein oder als Branntwein, von Juden seit biblischer Zeit genossen. Damit das Reinheitsgebot eingehalten wird (vergleichbar dem Reinheitsgebot der deutschen Bierbrauer), schaut der ein Kontrolleur dem Winzer über die Schultern - und der Rabbiner verleiht dem Wein den Reinheitsstempel. C'est tout. Bei Ruben Bollag an der Waffenplatzstrasse 5 in 8002 Zürich findet man eine kleine Auswahl an koscheren Weinen.

René Ammann, TA-Magazin 21.2.98

 


 

Im Takt der Seele hin und her

Warum orthodoxe Juden sich im Gebet zu schaukeln pflegen Warum Juden beim Beten den Körper schaukeln; Historisches und Grundsätzliches über das sogenannte - Schockeln.


 
Nichtjuden, die Gelegenheit hatten, einem Gottesdienst in einer Synagoge beizuwohnen, stellen hinterher meist eine Frage, die auch viele Juden nicht beantworten können: «Warum schaukelt Ihr beim Beten den Körper?» Diese Gewohnheit, jiddisch «Schockeln>, genannt, liebevoll-ironisch auch als jüdisches Aerobic» apostrophiert, erklären manche mit praktischen Gründen: Das lange Stehen im Gottesdienst ermüde die Füsse, das Schockeln sorge für Durchblutung.  Eine andere Erklärung ist, dass durch das Schaukeln die Umgebung optisch verschwimmt, der Betende so sich besser konzentrieren kann, ohne durch Äusserlichkeiten abgelenkt zu werden.

Recht befriedigend sind diese Erklärungen nicht.   Ein Blick in alte Bücher hilft vielleicht, bessere Gründe für das Schockeln zu finden.  Denn die Praxis ist uralt.  Schon im elften Jahrhundert unserer Zeitrechnung wurde im arabischen Spanien, dem historischen Sefarad, das Schaukeln als typisches Kennzeichen des jüdischen Gottesdienstes vermerkt.  Auch in einem der theologischen Klassiker dieser Zeit, Rabbi Judah Halevis «Kuzari», wird die Frage angesprochen. «Kuzari» ist ein erfundener Dialog zwischen einem Rabbiner und dem König der Chasaren, einem mongolischen Stamm, der im achten Jahrhundert zum Judentum übertrat.   Das Buch listet die Argumente auf, die den Chasarenkönig damals bewogen haben sollen, den neuen Glauben anzunehmen.  Neben vielen tiefschürfenden Problemen von Tora, Talmud und jüdischer Geschichte stellt der König an einer Stelle auch die Frage, warum die Juden, wenn sie die Bibel lesen, vor und zurück schaukeln?  Der Rabbi gibt zunächst eine quasi medizinische Antwort: «Es wird gesagt, dass man es tut, um den Körper zu erhitzen.» Er fügt dann aber eine eigene Theorie an: Ursprünglich habe es nicht genügend heilige Texte für die gesamte Gemeinde gegeben, so dass zehn und mehr Personen sich einen einzigen Text teilen mussten.  Jeder musste sich deshalb kurz zum Lesen niederbeugen und sich dann schnell wieder erheben, um auch die anderen hineinschauen zu lassen. «Dies führte zu einem ständigen Sich-Niederbeugen und Wieder-Aufrichten ... Daraus wurde durch ständiges Beobachten und Imitieren eine Gewohnheit ... »

Das klingt plausibel, wenngleich ein wenig prosaisch.  Wesentlich herzensanrührender ist da, was der «Sohar» zum Thema schreibt.  Der «Sohar» ist ein Klassiker des jüdischen Mystizismus, verfasst im Spanien des dreizehnten Jahrhunderts.  Der Held des Buches, Rabbi Simeon Ben Yokai, wird an einer Stelle des Werkes von seinen Schülern gefragt, warum nur die Juden beim Beten den Körper schaukeln.  Rabbi Simeon erklärt, die Seele eines jeden Juden gründe in der heiligen Tora.  Höre die Seele auch nur ein Wort der Schrift, werde sie entflammt, wie der Docht einer Lampe; das Schaukeln des Körpers sei Ausdruck des flammengleichen Rhythmus der Seele.

Zur selben Zeit, da der Sohar geschrieben wurde, verfasste, ebenfalls in Spanien, Rabbi Jacob ben Ascher, genannt der Baal HaTurim, einen Kommentar, der sieh unter anderem mit dem Schaukeln befasst.  Er leitet die Sitte direkt aus der Tora ab, und zwar aus Exodus 19,16, wo es heisst: «Und es erbebte alles Volk.» Das Schaukeln beim Gottesdienst geschehe in Erinnerung an dieses Beben.

Soweit die bekannten Erklärungen für das Schockeln.  Mit dem Aufkommen der Reformbewegung im Deutschland des neunzehnten Jahrhunderts geriet die Sitte allerdings in Verruf. Das Hin- und Herschaukeln galt als nicht schicklich, zu östlich, zu wenig zivilisiert.  Es passte auch nicht so recht zum beginnenden Geist der Assimilation an die nichtjüdische Umwelt.  So schrieb Eliezer Liebermann aus Dessau 1818: «Warum sollten wir nicht von den Menschen, unter denen wir leben, lernen?  Schauen wir uns die Nichtjuden an, wie sie wohlgesittet und in Ehrfurcht in ihren Gotteshäusern stehen.  Keiner spricht ein Wort, keiner rührt sich ... » (Liebermanns Begeisterung für den «ordentlichen» Gottesdienst der Christen kulminierte später in seinem Übertritt zum Katholizismus.)

Das Schockeln wurde derweil aus den Synagogen der «modernen» Richtungen des Judentums verbannt.  Gleichzeitig änderte sich dort auch der Charakter des Gottesdienstes.  Professionelle Kantoren traten an die Stelle der Laienvorbeter, stehen der Gemeinde gegenüber, statt, wie früher, beim Beten gemeinsam in dieselbe Richtung sich zu wenden.  Diese und andere Änderungen führten zu einem Phänomen, das eigentlich dem Judentum fremd sein sollte: Die Gemeinde wird in eine Publikumsrolle gedrängt, schaut nur noch zu, wie andere für sie den Gottesdienst <führen».  Diese Entwicklung zeigt, wenn auch ungewollt, worin vielleicht der eigentliche Sinn des Schockelns liegen könnte: Statt nur passiv Objekt der Religion zu sein, drückt der Betende mit seinem Hin- und Herschaukeln ein Stück aktive Subjektivität der Zwiesprache mit Gott aus.  Gibt es etwas, das besser das Wesen des Judentums repräsentieren könnte?

ELIEZER SEGAL

Quelle: Israelitisches Wochenblatt Nr. 13 - 27.   März 1998