Ein Blick zurück in die Zukunft Visionen für Israel
In der Vision, die Herzl und andere zionistische Denker für die künftige Heimat der Juden entworfen hatten, verbanden sich die wertvollsten Elemente europäischer und jüdischer Denktradition. Ein Friedensschluss mit den Palästinensern und den arabischen Nachbarländern könnte Raum für die Realisierung dieser Utopie schaffen.
In diesem Jahr, da Israel gleichzeitig sein
fünfzigjähriges Bestehen und das Hundertjahrjubiläum der von Theodor Herzl in Basel
gegründeten zionistischen Bewegung feiert, wären zwei Aufgaben anzugehen, die in
unmittelbarem Wechselverhältnis stehen. Zum einen muss die durch das Osloer Abkommen
geschlagene Bresche, welche den Weg zu einem historischen Kompromiss mit den
Palästinensern und Arabern öffnen könnte, erweitert und vertieft werden. Zum andern
sollte endlich nicht mehr der Kampf ums Überleben im
Belagerungszustand die innenpolitische Agenda des Landes
diktieren, sondern vielmehr die Erfüllung jener
moralischen und geistigen Verheissungen, die den Zionismus zu
einer der nobelsten Befreiungs- und
Aufbaubewegungen in diesem Jahrhundert machten.
Die Prämissen für die Chance von Oslo ergaben sich aus dem Zerfall der Sowjetunion und dem Ende des kalten Krieges. Indem Amerika als einzig verbleibende Supermacht aus dem Kräftemessen hervorging, hatte die arabische Seite im Nahostkonflikt ihren strategischen Schutzschirm und ihr Sicherheitsnetz verloren. Wann immer in Zukunft ein arabisches Land in einen bewaffneten Konflikt mit Israel tritt, wird es jeden verlorenen Panzer, jedes abgeschossene Flugzeug definitiv abschreiben müssen, ohne Hoffnung auf Ersatzlieferungen vom Grossen Bruder in Moskau. Mit anderen Worten, 1956, 1967 und 1973 gehören ein für allemal der Vergangenheit an: die neuen Verhältnisse erlauben den Arabern nicht mehr, nach einem verlorenen Krieg mit russischer Hilfe wieder aufzurüsten und weiterhin die Realität eines israelischen Staates und die Möglichkeit einer friedlichen Koexistenz zu negieren.
Diese De-Globalisierung des arabisch-israelischen
Konflikts liess den radikalen Exponenten der arabischen Seite - etwa der PLO oder Syrien -
keine andere Wahl, als sich mit Israel zu arrangieren. Keine regenerierte russische Macht,
kein islamischer Fundamentalismus wird je die Rolle übernehmen können, welche die
Sowjetunion bei der Perpetuierung des Nahostkonfliktes gespielt hat: Indem sie der
arabischen Seite den Rücken stärkte, machte sie es dem doppelt - durch die arabischen
Nachbarn und der Sowjetunion im Hintergrund - bedrohten Israel auch doppelt schwer, die
zum Friedensschluss in der Region notwendigen Kompromisse einzugehen.
DIE LOGIK DER GESCHICHTE
Fanatiker auf beiden Seiten haben versucht, den historischen Kompromiss, der in Oslo geschlossen wurde, zu unterminieren; und der Wahlentscheid für Netanyahu und seine nationalistische Likud-Partei nach der Ermordung Rabins bedeutet fraglos einen Rückschritt im Friedensprozess. Aber die dem Osloer Abkommen eingeschriebene geschichtliche Logik ist - mit ihrem Einbezug der veränderten geopolitischen Verhältnisse - so eindeutig, dass sie am Ende die Wechselfälle und Rückschläge überdauern wird, die den komplizierten Versöhnungsprozess notwendigerweise begleiten. Der zeitliche Rahmen mag weiter gesteckt werden müssen, die innere Logik aber bleibt sich gleich: Israel und die PLO haben sich gegenseitig anerkannt; die palästinensischen Behörden sind nun effektiv für die Belange fast der gesamten palästinensischen Bevölkerung in Gaza und Cisjordanien zuständig; und sogar Netanyahu anerkennt Arafat als Gesprächspartner und verhandelt mit der PLO. Der Friede ist eine zarte Pflanze und braucht sorgsame Pflege, deren nicht alle israelischen und palästinensischen Führer in gleichem Masse kundig sind - Arafat zum Beispiel könnte ein Zeichen setzen, wenn er seine Uniform gegen Zivilkleidung tauschen und den Israeli damit signalisieren würde, dass die Zeit der Konfrontation endgültig vorüber ist. Der Rubikon zum Friedensschluss aber ist überschritten.
All dies bedeutet, dass Israel - zum erstenmal seit der Staatsgründung - eine Zukunft ins Auge fassen kann, die nicht ausschliesslich oder mehrheitlich von der Sorge ums unmittelbare Überleben dominiert ist. Gewiss, sogar im Belagerungszustand nahm man das Mass eher an Athen denn an Sparta: Universitäten und Fachhochschulen blühten, Theater und Konzerthäuser waren zum Bersten voll, in Israel wurden mehr Bücher pro Kopf veröffentlicht als - Island ausgenommen - in jedem andern Land. Der öffentliche Diskurs war zwar notwendigerweise auf die nationalen Probleme und Fragen fokussiert, aber nichtsdestoweniger lebhaft, pluralistisch und offen, gelegentlich auch chaotisch in seiner Vielstimmigkeit und Dissonanz.
Aber die fünfzig Jahre anhaltenden
Überlebenskampfes haben ihre Spuren hinterlassen. Allzuviel öffentliches Interesse und
soziale Energie mussten auf die zermürbende Anstrengung verwendet werden, eine
schlagkräftige Armee aufzubauen und im Wettlauf um fortschrittliche Rüstungstechnologien
vorn zu bleiben.
DER IDEALE STAAT
Der Zionismus hatte ursprünglich etwas ganz anderes vorgesehen. In seiner noch vom Liberalismus des 19. Jahrhunderts geprägten Naivität dachte sich Herzl Israel «wie die Schweiz», als neutralen Staat, der ohne grosse Armee auskommen konnte. Sein utopischer Roman «Altneuland» entwarf eine freiheitliche, multikulturelle Gesellschaft, in der deutsche Literatur, italienische Oper und französische Kultur nebeneinander blühten und der «Mutualismus» als Gesellschaftsordnung die Vorzüge von Kapitalismus und Sozialismus verband, gleichzeitig aber die Extreme beider Denkrichtungen vermied.
Die junge jüdische Gemeinschaft in Palästina folgte zunächst tatsächlich der kühnen sozialen und kulturellen Vision, in der Herzl und andere zionistische Denker die besten europäischen Denktraditionen zusammengeführt hatten, indem sie humanistische Wertvorstellungen mit Elementen sozialistischen Gedankengutes verbanden. Solidarität und soziale Gleichheit sollten in den Kibbuzim aus freiem Willen und Idealismus erwachsen und nicht als Resultat von Zwang; wenn das Land der jüdischen Siedlungen in der öffentlichen Hand verblieb, drückte sich darin einerseits eine Kritik am wilden Kapitalismus aus, anderseits die Reminiszenz an eine biblische Tradition, welche die Sorge für die Armen dieser Erde höher wertet als den falschen Gott des Mammons. Die Wiederbelebung des Hebräischen stellte nicht allein eine bemerkenswerte linguistische und kulturelle Leistung dar, sondern sie schuf eine Rückbindung der modernen Gesellschaft an die alte prophetische Tradition und erlaubte den jüdischen Intellektuellen, Jesaja mit Tolstoi in Bezug zu setzen, Elia mit Kant und Moses mit Marx.
Nicht zuletzt erwies sich im Entstehen einer jüdischen Bauern- und Arbeiterschicht in Palästina, dass ein neues jüdisches Selbstverständnis auch die Lebensformen der Diaspora zu sozialer «Normalität» transformieren konnte - wenn den Juden einmal eine eigene Heimat gegeben war, wo sie nicht an den Rand der Gesellschaft verbannt und von den primären Produktionsmitteln und Arbeitsgrundlagen ferngehalten wurden.
Das Entstehen eines modernen und säkularen jüdischen Nationalstaates mit eigener Kultur, eigener Sprache und eigenem Ethos versprach auch neue Inspiration für die jüdischen Gemeinden in der Diaspora; denn nach einer von Aufklärung und Säkularisation geprägten Epoche konnte ihnen die Religion nicht mehr unbedingt als einzige und unhinterfragbare Basis der Solidarität und Identität dienen. Diesen Gedanken strichen insbesondere zionistische Kulturtheoretiker wie Ahad Ha'am und Martin Buber heraus. - Die zionistische Vision, so eklektisch sie sich präsentieren mag, war zweifellos eines der edelsten Amalgame aus dem Gedankengut der europäischen Aufklärung. Von Kant bezog sie das Konzept der moralischen Autonomie, von Rousseau Gedanken zu Erziehung und Gemeinwohl, von Herder Einsichten ins Wesen von Kultur und Identität; all dies verband sie mit einer reichhaltigen und auf den Stand der Moderne gebrachten judaistischen Tradition. Aus diesen Elementen bezog die jüdische Gemeinschaft in Palästina und dem neugegründeten Israel ihre vibrierende Vitalität und Kraft so gut wie jene Geistigkeit, welche weiter oben den Vergleich mit Athen erlaubte.
In den Jahren des Krieges und des
Belagerungszustands allerdings verflüchtigten sich manche dieser Ideen, andere sind
verknöchert. Die Kibbuzim haben zwar überlebt, aber sie wuchsen und vermehrten sich
nicht. Für die jüngere Generation haben sie ihre Anziehungskraft weitgehend verloren und
ebenso ihre Bedeutung als Modell für die israelische Gesellschaft. Auch andere Versuche,
neue gesellschaftliche Strukturen aufzubauen, sind stagniert - etwa die einst starke und
wirkungsmächtige Histadrut, die nicht allein Gewerkschaft war, sondern auch ein Netzwerk
von Vereinigungen und Kooperativen, das eine Art Mittelfeld zwischen
Privatwirtschaft und bürokratischem Etatismus schuf.Die
israelische Armee hat in den jahrzehntelangen
zermürbenden Auseinandersetzungen mit der palästinensischen
Bevölkerung eine funktionalistische
Mentalität entwickelt, welche ihr ursprüngliches Ethos -
die Verteidigung einer kleinen Nation gegen
die feindselige Übermacht ringsum - deutlich trübt. Im
Kontakt mit der Diaspora stand die finanzielle und
politische Unterstützung für den jungen Staat im
Vordergrund, während sich der bereichernde kulturelle
Austausch nur ungenügend entwickelte.
NEUE PERSPEKTIVEN
Der Frieden und das Mass an - relativer - innerer Ruhe, das mit ihm kam, liegen der heutigen wirtschaftlichen Prosperität Israels zugrunde. Auf dieser Grundlage sollte sich Israel nun seinen ursprünglichen, über die reine Existenzfrage hinausgehenden Zielsetzungen zuwenden können und in entsprechenden moralischen und intellektuellen Dimensionen denken lernen.
Zu einem guten Teil geschieht dies bereits: zum
Beispiel, indem die Kontroversen über die Rolle der Religion im jüdischen Staat, welche
man während der Zeit der äusseren Bedrohung notgedrungenermassen unter den Teppich
gekehrt hatte, nun offen ausgetragen werden. Darin deutet sich nicht etwa eine drohende
Existenzkrise der israelischen Nation an. Vielmehr sind gerade solche interne
Auseinandersetzungen ein Signal für
Normalität und Sicherheit und für das - durchaus nicht nur
in Israel bestehende - Bedürfnis, die komplexe Frage
nach der kollektiven Identität einer Gesellschaft anzugehen,
welche die Religion nicht nur mit einer
gedankenlosen Imitation des aufklärerischen Gestus in den
Bereich des Privaten zurückverweist. Dieser
notwendige Kulturkampf ist ein Zeichen der Reife und nicht
Indikator einer unüberwindlichen Krise.
Die Frage nach dem Status der arabischen Einwohner Israels (die beinahe 20 Prozent der Bevölkerung ausmachen) wurde ebenfalls jahrelang totgeschwiegen. Sie stellt sich nun bedingungslos und wird erst mit einer schlüssigen Lösung vom Tisch sein. Dabei geht es nicht allein um zivile und politische Rechte; die israelischen Araber haben bereits das Wahlrecht, sie sind in der Knesset vertreten und spielten zur Zeit der Regierung Rabin/Peres im Parlament das Zünglein an der Waage: ohne ihre Stimmen wäre das Osloer Abkommen nicht angenommen worden. Die grundsätzlichere und schwierigere Frage jedoch betrifft ihre kollektive Identität. Arabisch ist in Israel die zweite offizielle Landessprache: aber heisst das lediglich, dass arabische Knesset-Mitglieder die Debatte in ihrer Sprache führen dürfen und dass die arabische Bevölkerung ein Recht auf eigene Schulen hat (beide Ansprüche sind bereits erfüllt) - oder bedeutet es, dass die arabische Kultur der israelischen Kultur insgesamt zugerechnet werden muss? Und was wären die Konsequenzen solcher Anerkennung hinsichtlich Erziehung und Schulwesen, Gestaltung des Kulturlebens und des öffentlichen Raumes? Herzl hatte die viersprachige Schweiz als Exempel zitiert - Israel aber ist fern von solch einvernehmlichen Verhältnissen, wenn es darum geht, den Arabern im eigenen Kulturverständnis einen Platz einzuräumen.
Auch das Verhältnis zur Diaspora transzendiert langsam die rein instrumentelle Dimension einer kontinuierlichen politischen und finanziellen Unterstützung für das um sein Überleben ringende Israel. Die Finanzhilfe, welche dem Staat von aussen zufliesst, macht keine zwei Prozent des Budgets mehr aus, und im Zentrum des Dialogs mit der Diaspora stehen heute kulturelle Fragen: etwa über die Rolle der konservativen Glaubensrichtung und des Reformjudentums in der zwischen Orthodoxie und Säkularismus polarisierten israelischen Gesellschaft, über die Rolle des Hebräischen und die Bedeutung Israels im Erziehungswesen jüdischer Gemeinden im Ausland.
Viele andere, lange übergangene Probleme könnten jetzt und in Zukunft aufgegriffen werden. Werden die Kibbuzim sich allmählich zu komfortablen Vorstadtsiedlungen wandeln, oder wird das Ideal von Gemeinschaftlichkeit und Solidarität, auf dem sie einst gründeten, wieder erwachen und auch auf andere Bereiche des Gesellschaftslebens abstrahlen? Wird Israel zu einer eigenständigen Auseinandersetzung mit dem Problem sozialer Ungleichheit fähig sein in einer Welt, wo das Konzept des Wohlfahrtsstaates allenthalben durch einen gelegentlich simplistischen Neoliberalismus in Frage gestellt wird - und können israelische Erfahrung und jüdische Tradition in dieser Hinsicht Zeichen setzen, eine neue normative Dimension schaffen in einer zunehmend vom Prozess der Privatisierung vereinnahmten Welt?
Wenn man in Israel heute auf die gewaltige Leistung zurückblickt, einen Staat geschaffen und ihn unter Anfeindungen und schwierigen Bedingungen aufgebaut zu haben: dann gehört zu der Feier auch die Rückbesinnung auf die Ideen und Werte, die hinter seiner Gründung standen. Diese preiszugeben hiesse, auch den inneren Zusammenhalt des Landes und seinen Rang unter den Nationen aufs Spiel zu setzen.
Shlomo Avineri ist Professor für Politische
Wissenschaften und Leiter des Instituts für Europäische Studien an der Hebräischen
Universität in Jerusalem.
Für seine Leistungen wurde er mit dem Israel-Preis
ausgezeichnet.
Neue Zürcher Zeitung vom 09.05.98